Paula Lambert über ihre Kindheit in Stieffamilien

FREITAG, 14.09.2018 Paula Lambert

"Kommst du?" - die Kolumne von Paula Lambert lest ihr wöchentlich neu, hier bei fem.com. Paula Lambert, bekannt aus der sixx-Sendung "Paula kommt" oder "Paula kommt ... am Telefon", beschäftigt sich in ihrer Kolumne jede Woche mit einem aktuellen oder brisanten Thema rund um Frauen, Männer, Sex, Liebe, Lust und Beziehung. In dieser Kolumne teilt Paula ihre Erfahrung als Kind in einer Stieffamilie aufzuwachsen. 

Als ich ein Baby war, lag ich in einem alten Laufstall, neben mir ein verschimmelter Brotkanten und eine leere Streichholzpackung. So berichtet es die Familie, die sich damals Zugang zu der Wohnung verschafft hat, um mich aus den prekären Umständen zu retten. Ohne diese Familie, die mich später fünf Jahre lang aufgezogen hat, wäre ich heute vermutlich nicht mehr am Leben.

Ich schreibe das, weil am Sonntag Tag der Stieffamilie ist und ich nicht nur jeden erdenklichen Feiertag gerne feiere (zum Beispiel den Nationalen Tag des Eiscremesandwiches, den ich vor kurzem in den USA zelebriert habe), sondern auch, weil ich Stieffamilien für eine der unterschätztesten Stützen unserer Gesellschaft halte.

Stieffeltern können das Beste der Welt sein 

Seit Schneewittchen hat das Wort „Stief“ ja einen eher negativen Beigeschmack, was schade ist. Nicht jede Stiefmutter trachtet ihrem Zögling nach dem Leben, wobei ich auch nicht verschweigen will, dass es eine Menge fürchterlicher Stiefeltern gibt. Dann wiederum gibt es auch eine Menge grässlicher biologischer Eltern. Wenn sich die Eltern trennen und jeweils neue Partner ins Leben holen, hat man als Kind wenig Einfluss darauf, wie derjenige mit einem umgehen wird. Wenn man Pech hat und das Elternteil ein emotionaler Schwächling ist, muss man die nächsten Jahre leiden. Wenn man Glück hat, ist ein Stiefelternteil das Beste der Welt.

Familie hat ja sehr viel mit Schicksal zu tun und die eine oder andere von euch fragt sich sicherlich manchmal, ob sie mit diesem merkwürdigen Haufen Leute privat etwas zu tun hätte, wenn es nicht das ungeschriebene Gesetz der Blutsverwandtschaft vorschreiben würde. Gegen dieses Gesetz darf man sich aber ruhig mal auflehnen, meine ich. Die wahre Familie ist immer die, die sich einem Menschen gegenüber gönnend, liebevoll und motivierend verhält. Viele Menschen leiden darunter, dass die eigenen Eltern ihre eigenen Traumata nicht im Griff haben, nicht im Geringsten reflektieren können, Gefühle nicht zulassen oder schlichtweg missgünstig sind. Ich kenne nicht nur einen Mann, der im verzweifelten Versuch, es den Erwartungen seines Vaters Recht zu machen, sich durch ein Jura-Studium und eine Anwaltskarriere geprügelt hat und kreuzunglücklich dabei war, weil er lieber Tierarzt geworden wäre oder Künstler. Es gibt Menschen, die studieren entgegen jedem Interesse Maschinenbau oder Fahrzeugtechnik, um dann in der TÜV-Prüfstelle der Verwandtschaft zu arbeiten – in der ewigen, ungestillten Hoffnung auf ein schnödes „Gut gemacht“, das niemals kommen wird.

Mein Dank an alle Stieffamilien 

Ein Glück, wer tolle Eltern hat! Logisch, dass ist das, worauf wir alle hoffen oder gehofft haben. Aber eine gute Stieffamilie zu haben, kann eben auch toll sein. Ich hatte mal einen Stiefvater (das einzige Juwel in einer Reihe von Vollnieten), der mir so sehr das Gefühl gegeben hat, dass ich ein toller Mensch sei, dass ich davon all die Jahre zehren konnte, bis ich endlich von meiner biologischen Mutter wegkonnte. Er versuchte zu retten, was zu retten war und ist heute noch einer meiner engsten Vertrauten.

Nicht zuletzt ist da der Stiefvater meiner Kinder. Er ist immer da, wenn Tränen getrocknet werden müssen oder Männergespräche geführt oder es darum geht, Männersachen zu klären. Es ist nicht immer einfach für ihn, weil die Bedingungslosigkeit, mit der man den Mist seiner leiblichen Kinder aushält, für ein Stiefelternteil anders ist – für Stiefeltern ist der Alltag ein viel größeres Zugeständnis als für leibliche Eltern. Darum möchte ich mich hier an der Stelle einmal sehr herzlich bei ihm bedanken. Ich weiß, dass es extrem viel Liebe erfordert, so viel Liebe zu geben, wie er das tut.

Falls ihr Stieffamilien habt, könnt ihr euch ja mal bedanken. Sich jahrelang um jemanden zu kümmern, der einem so vor die Füße geknallt wurde, dafür braucht man viel Kraft. In diesem Sinne: Danke, Stieffamilien aller Länder!

Alles Liebe,

Paula

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"Kommst du?" - Die Kolumne von Paula Lambert lest ihr jede Woche neu bei fem.com.

Über die Autorin

Paula Lambert ist Deutschlands bekannteste Sex- und Beziehungsexpertin. In ihrer sixx Sendung "Paula kommt" und "Paula kommt ... am Telefon" spricht sie mit ihren Gästen über Themen rund um Liebe, Sex und Beziehung: von Dating über Eifersucht bis hin zu Sex-Praktiken und -Fantasien. Paula Lambert nimmt kein Blatt vor den Mund und weiß, was Frauen bewegt und sie (noch) glücklicher macht.

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