Interview mit Carola Niemann von "The Curvy Magazine"

DIENSTAG, 14.08.2018

Wir treffen Carola Niemann in ihrem kleinen, feinen Atelier in einem Münchener Hinterhof. In der Ecke des Raumes: ein riesiges Moodboard mit Zeitungsausschnitten, gelben Klebezetteln und einem Poster der ersten Printausgabe von „The Curvy Magazine“. Carola ist Gründerin des Modemagazins, das sich vor allem an kurvige Frauen richtet – und im Printbereich konkurrenzlos ist. Sie hat einen voluminösen Afro und eine ausgesprochen herzliche Art. Schnell wird klar: Sie ist eine absolute Powerfrau. Eine Frau, die eine Vision hatte und sich von Rückschlägen nicht unterkriegen ließ. Eine Frau, die große Träume hat und weiß, wie man sie verwirklicht.

Was ist das Ausgefallenste, das auf deinem Schreibtisch steht?

Carola Niemann: Das Ausgefallenste auf meinem Schreibtisch, oh Gott. Ja vielleicht hier, Umckaloabo. Das stärkt die Lunge. Und weil ich ständig Husten habe, steht das immer auf dem Schreibtisch und ich trinke ab und zu davon. Ich glaube, es bringt gar nichts, weil man das regelmäßig machen müsste - aber es beruhigt mich, weil es hier steht. (Lacht)

Du bist die Gründerin von „The Curvy Magazine“ – inwiefern unterscheidet sich das Magazin von anderen? Was würde es in dem Magazin nie geben?

Es unterscheidet sich gar nicht so groß von anderen Magazinen und das war auch mein Ziel. Die Menschen, die darin abgebildet sind, haben einfach ein paar Kilos mehr auf den Hüften, als man es von Frauenmedien gewohnt ist. Am liebsten würde ich Diättipps vermeiden. Wenn wir das Thema jemals aufnehmen, dann geht es mir eher um psychologische Aspekte und um Menschen, die ihre Erfahrungen austauschen. Ich unterstütze es total, wenn Leute abnehmen, um sich wohlzufühlen oder wegen gesundheitlicher Aspekte. Aber nicht wegen des gesellschaftlichen Drucks. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich eine Frau mit Kleidergröße 50/52 wohler fühlt, wenn sie wunderschöne Frauen mit Größe 44/46 sieht - was eine normale Größe ist! Sie kann sich dann eher vorstellen, dieses Ziel zu erreichen.

Liegt dir das Thema „Body Positivity“ selbst sehr am Herzen oder wie kamst du auf die Idee?

Als ich noch sehr jung war, habe ich für den Playboy gearbeitet. Dort ist das Frauen- und Männerbild ganz extrem. Aber auch bei anderen Magazinen wurde die Mode immer an ganz dünnen Frauen gezeigt, bei manchen Shootings passten selbst sehr schlanke Mädchen nicht in die Designerklamotten. Sie waren frustriert, obwohl sie nur einen anderen Körperbau hatten. Und auch ich war nie Size Zero, ich bin einfach von der Natur nicht so gedacht. Darum hat es mich immer genervt, dass die Größen 40, 42, 44 zuerst ausverkauft waren. Mit dem Magazin wollte ich den Leuten zeigen, wo sie einkaufen können und das Ganze fotografieren, damit ein Umdenken stattfindet. Es war mir schon immer ein Anliegen, Frauen schön zu zeigen.

Cover "The Curvy Magazine"

Das Cover der zweiten Printausgabe von "The Curvy Magazine"

Ihr habt vor Kurzem eure erste Printausgabe rausgebracht, vorher gab es das Magazin nur online. War es ein schwerer Weg dorthin? Wenn ja, wie konntest du dich motivieren, es trotzdem durchzuziehen?

Ich habe drei Jahre lang einen Verlag gesucht, das hat aber nie hingehauen. Deswegen habe ich vor einem Jahr alleine angefangen, als Onlinemagazin und unabhängig finanziert. Ich arbeite nebenbei als Stylistin und Redakteurin und mein Honorar investiere ich 1:1 in das Magazin. Dann kam die Chance mit einem kleinen Verlag zu kooperieren und durch diesen Push haben wir das Magazin innerhalb von wenigen Wochen auf die Beine gestellt. Aber es gibt bei jeder Gründung Rückschläge, doch da halte ich es wie diese Sage von den zwei Fröschen, die in einen Milchtopf fallen und nicht mehr rauskommen. Der eine gibt auf und ertrinkt und der andere paddelt so lange, bis es Butter wird und er rausspringen kann. Das ist mein Ziel – ich paddele einfach weiter.

Gab es Momente, in denen du dachtest „Das wird nichts, ich muss aufgeben“?

„Ich muss aufgeben“ - ja. „Das wird nichts“- nie. Es war nur eine finanzielle Frage. Im Januar hatte ich wenig Geld und habe mit meinen Mitarbeitern besprochen, dass ich gerade nicht sagen kann, wie es weitergeht. Und im Februar kam der Verleger um die Ecke und aus dem „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, wurde plötzlich ein Magazin. Man muss einfach die Nerven und die Geduld behalten.

Hattest du einen Businessplan?

Nein, da ich einfach so fest an diese Idee geglaubt habe. Und das muss man auch. Ich habe eine Vision und auf dem Weg dahin darf ich nicht nach links und rechts gucken oder in Zweifel geraten. Sonst macht man das einfach nicht.

Was ist das Schönste an deinem Job?

Das Allerschönste sind die Leserbriefe. Sie sind unglaublich! Da sind Texte dabei, bei denen sind mir die Tränen in die Augen gestiegen. Leute, die sagen, dass sie Angst hatten ein Wort zu verpassen, weil sie sich so mit dem Heft identifizieren.

Und was ist die größte Herausforderung?

Die Finanzierung. In meinem Kopf bin ich mit dem Projekt immer schon 5 Schritte weiter, aber die Basis muss erst mal stimmen. Wir müssen das Heft erst mal verkaufen und die Abozahlen erhöhen, damit ich mein Team sicher bezahlen kann.

Du warst bereits fest angestellt und freiberuflich tätig – was gefällt dir besser?

Bei einer Festanstellung arbeitet man mit einem festen Team. Bei einer freien Tätigkeit ist es eher: Boom – Zusammenkommen – Boom – Auseinandergehen. Das fand ich toll! Außerdem ist man nicht an ein Aufgabengebiet gebunden und man kann sich mehr ausleben. Für Leute, die keine guten Nerven haben, ist die Festanstellung immer besser, weil man ein regelmäßiges Gehalt und mehr Sicherheit hat. Beim Freiberuflichen kann plötzlich ganz viel Geld kommen oder man kann eine Phase haben, in der gar keine Angebote kommen. Da muss man Nerven haben und Vertrauen. Und was immer anstrengend ist: die Steuer.

Carola Niemann in ihrem Atelier

Carola Niemann in ihrem Atelier

Wie wählst du Mitarbeiter aus? Gehst du strikt nach dem Lebenslauf oder folgst du einem inneren Gefühl?

Ich wähle Mitarbeiter intuitiv aus und schaue mir Lebensläufe kaum an. Die richtigen Leute kommen immer zum richtigen Zeitpunkt. Bei einer Praktikumsbewerbung hatte ich zum Beispiel den Rückruf einfach vergessen, obwohl ich sie sehr gut fand. Plötzlich klingelte das Telefon: „Ja, ich hatte doch eine Bewerbung abgeschickt …“ Und dann sagte ich direkt ohne Gespräch, dass sie den Job hat. Die war dann auch erst mal perplex. (Lacht)

Wie schafft man es, das zu finden, was man sein Leben lang machen möchte? Ist das überhaupt das Ziel?

Ich glaube nicht. Interessen können sich ändern und solange man das macht, was man in dem Moment für richtig hält, ist man immer gut aufgehoben. Eine schlechte Entscheidung ist immer noch besser als gar keine, denn du hast die Möglichkeit, sie zu korrigieren. Ich hatte nie einen Plan, aber der ist aufgegangen! (Lacht)

Vernunft oder Risiko? Was ist karrieremäßig zu empfehlen?

Ich gehe immer gerne auf Risiko, habe nie gespart und nichts zu verlieren. Was soll mir passieren? Ich kann ja morgen wieder was Anderes anfangen.

Was war der beste berufliche Ratschlag, den du je bekommen hast?

Kein Ratschlag, aber es gibt einen Satz, der hängt mir immer noch im Nacken. Als ich einen Assistenzjob bei der Vogue bekommen habe, meinte meine erste Chefin zu mir: „Du kannst es machen, du kannst es aber auch lassen. Du hast keinen Biss!“ Und das ist seitdem immer in meinem Kopf: „Der Biss muss stimmen“. Ich mache immer das Beste aus dem, was ich gerade habe.

Was würdest du deinem jüngeren Ich, mit deinem heutigen Wissen, raten?

Ein paar Sachen nicht so bierernst zu nehmen. Und die Steuer pünktlicher abzugeben. (Lacht)

Die Steuer scheint dich wirklich zu belasten.

Ja, ich bin einfach ein kreativer Mensch und musste lernen Papier und Zahlen zu lieben. Die jüngere Carola hat einfach den Kopf in den Sand gesteckt, aber man kann als Geschäftsfrau, und das ist jede Selbstständige, nicht nur die kreativen Seiten sehen und das sollte man möglichst schnell lernen.

Welches große Ziel möchtest du noch erreichen?

Ich wünsche mir, dass es dieses Magazin auch in anderen Ländern zu kaufen gibt. Mir schwebt auch eine kleine Kollektion vor, denn ich habe eine Schneiderlehre gemacht und so würde sich der Kreis schließen.

Interview: Alina Keller

Carola Niemann pin

Carola Niemann ist die Gründerin von "The Curvy Magazine".